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Wenn sie Orgel spielt, sehen zwei Millionen Menschen zu: Klassik-Influencerin Anna Lapwood kommt nach Basel

18. September 2026

Die britische Organistin mischt eine Männerdomäne auf – und zwei Millionen Menschen feiern sie in den sozialen Netzwerken dafür. Jetzt spielt sie erstmals in der Schweiz.
Erschienen in bz, 17.09.2026

Satte 560 Jahre hat es gedauert: Da erhielt am Oxforder Magdalen College erstmals eine Frau ein Stipendium für das Fach Orgel. Es ging an die heute 31‑jährige Anna Lapwood, die in ihrer Laufbahn seither noch einige andere erste Male folgen liess. Oder gab es das schon mal in der jüngeren Geschichte der klassischen Musik, dass sich wegen eines Orgelkonzerts eine kilometerlange Schlange gebildet hat? So geschehen im letzten Sommer vor dem Kölner Dom, wo rund 13 000 Menschen darauf hofften, einen Platz auf der Kirchenbank zu ergattern.

Mit ähnlichen Verhältnissen ist kommende Woche vor dem Stadtcasino Basel zwar kaum zu rechnen. Doch auf einen mittleren Ansturm darf sich das Collegium Musicum Basel dennoch gefasst machen. Schliesslich handelt es sich nicht nur um die Saisoneröffnung des Basler Orchesters, sondern auch um Anna Lapwoods ersten Abstecher in die Schweiz. Ein Debüt, das keine zusätzliche Publicity nötig hat: Interviewanfragen beantwortet das Management der Organistin abschlägig, auch die Probe bleibe für die Öffentlichkeit strikt geschlossen.

Botschafterin eines neuen Klassik-Begriffs

Jan Schultsz, Chefdirigent des Collegium Musicums Basel, scherzt dazu: Was Informationen über Anna Lapwood angehe, sei das Internet ja recht ergiebig. Fakt ist, dass sich die Britin ihre Fangemeinde vorwiegend über die sozialen Medien aufgebaut hat. Die Bewirtschaftung ihrer Profile dürfte dabei einem Vollzeitjob gleichkommen – allein in den letzten 24 Stunden lieferte Lapwood 33 neue Instagram-Storys.

Die fröhliche Britin präsentiert sich darin auch als Botschafterin eines weichen Klassikbegriffs. Sie plädiert dafür, Johann Sebastian Bach mit John Williams zu versöhnen, oder stellt unverfroren Star-Wars-Soundtracks neben Saint-Saëns-Sinfonien. Ihre 1,8 Millionen Follower auf Instagram goutieren die Aufgeschlossenheit: «Ich höre Klassik nur wegen Anna», heisst es in einem Kommentar. Oder: «Jesus, this is like hard rock!»

Ihr Erfolg verweist auf einen grösseren Wandel: Auch in der Klassikszene werden digitale Währungen wie Klicks und Followerzahlen zunehmend höher gewichtet. Musiker wie der deutsche Pianist Louis Philippson oder der Countertenor Jakub Józef Orliński nutzen ihre Kanäle gezielt, um sich neues, junges Publikum zu erschliessen. Das Kammerorchester Basel spielt im kommenden Frühling mit dem japanischen Nachwuchsstar Hayato Sumino, dem unter dem Namen «Cateen» auf Youtube 13 Millionen Menschen folgen.

Die Beinarbeit galt für Frauen als unschicklich

Lapwood geht es derweil nicht nur um Selbstvermarktung, sie verfolgt auch eine politische Agenda: Nachdem ihr ein Juror bei einem Wettbewerb einmal angeraten hatte, doch «mehr wie ein Mann zu spielen», etablierte sie den Hashtag #playlikeagirl, mit dem sie Frauen zum Orgelspiel animieren will. Nachholbedarf gibt es allemal. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Frauen das Orgelspiel weitgehend verwehrt, die Beinarbeit an der Orgel galt als unschicklich.

Die erste Organistin Schwedens, Elfrida Andrée, musste 1861 gar eine Gesetzesänderung erwirken, um den von ihr gelernten Beruf als Kirchenorganistin auszuüben. Bis heute sitzen in den namhaftesten Schweizer Kirchen und Kathedralen überwiegend Männer.

Wer Anna Lapwood also eine Orgel-Influencerin nennt, meint das am besten als Kompliment. Denn geht die Musikerin im Glitzersakko und mit 10 000 Orgelpfeifen viral, demonstriert sie vor allem eines: Klassik und Popkultur liegen oft näher beieinander, als man denkt. Man muss nur die richtigen Register ziehen.

«Anna tritt dr(auf)»

Collegium Musicum Basel
25.9 | 19.30 Uhr
Stadtcasino Basel

Mehr Infos zum Konzert
(Konzert ausverkauft)

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